Wer die Realität obduzieren will, darf vor den Prachtbauten der Hochkultur nicht Halt machen.
Für Dr. Merith Streicher ist die Bühne kein Ort der Weltflucht, sondern das Sezierbecken gesellschaftlicher Zustände.
© tilom kosh
9.4.Premiere Wozzek, Staatsoper Wien
ich kam als Gutachterin auf den Stehplatz der Staatsoper, im lila Mantel und mit dem analytischen Blick der ursprünglichen Dozur. Ich war bereit, ein Bühnenbild zu obduzieren, das das Wiener Prekariat zwischen Würstelbude und AMS-Röhre als „Bühne der Geknickten“ ausstellt.

Doch dann geschah das Unerwartete: Die zwingende Musik von Alban Berg zerbrach jede intellektuelle Schutzhülle. In dieser radikalen Klangwelt wurde die Inszenierung plötzlich physisch.
Wenn am Ende Marie' s verwaister Junge „Hopp, hopp“ singt und den Tod der Mutter verkündet, ist das für mich kein Theaterdonner. Es ist die Wahrheit unter der Haut. Als Frau, die selbst früh zur Witwe wurde und deren Kinder in genau diesem Alter ( des verwaisten Jungen auf der Bühne) vor den Trümmern ihrer Welt standen, kenne ich die Stille nach diesem Schrei. In diesem Moment wurde aus der Distanz des Stehplatzes absolute Zeugenschaft.
Die Geschichte darf hier nicht enden. Wozzeck am AMS mag das Scheitern abbilden, doch in meinem Werk #AlexandraFall habe ich die Geschichte dieses Jungen weitergeschrieben. Nussrat ist der Junge, der weiterlebt. Er ist die Antwort auf ein System, das die Betroffenen oft nur infantilisiert. Mit Nussrat bekommt der Tod der Eltern seine Würde zurück – weil er die Geschichte ins Handeln führt, statt im Mitleid zu verharren.
Ein überzeugtes „Bravo“ vom Stehplatz für diesen Moment der radikalen Wahrhaftigkeit.
© Merith Streicher