Echokammer

Willkommen in der Echokammer – der genialsten Gegenrede, seit es Echokammern gibt.

Während der etablierte Medienbetrieb im kollektiven, braven Nicken verharrt, wird hier die Hochkultur unzensiert, analog und aus der Hüfte seziert. Keine Ehrfurcht vor Labels, sondern der ungeschönte Blick einer niederösterreichischen Autorin auf Theater, Literatur und Zeitgeschehen. Für alle, die die Schablonen brechen wollen.

„Die Wichtigen haben es gesehen – und wieder nix verstanden.“

 

4.August Landestheater Salzburg - Balkon Mitte

"Schnee von gestern, Schnee von morgen" Peter Handke.

Ein assoziatives Mäandern durch Raum und Zeit. Gedanken ohne scheinbaren Zusammenhang - es bleibt nur noch Sprache ohne Botschaft um sich zu spüren. Meisterhaft gespielt von Galic und Harzer. Am Balkon gabs standing ovation und Bravo Rufe.

 
 

9.4.Premiere Wozzek, Staatsoper Wien

 
ich kam als Gutachterin auf den Stehplatz der Staatsoper, im lila Mantel und mit dem analytischen Blick der ursprünglichen Dozur. Ich war bereit, ein Bühnenbild zu obduzieren, das das Wiener Prekariat zwischen Würstelbude und AMS-Röhre als „Bühne der Geknickten“ ausstellt.



 
Doch dann geschah das Unerwartete: Die zwingende Musik von Alban Berg zerbrach jede intellektuelle Schutzhülle. In dieser radikalen Klangwelt wurde die Inszenierung plötzlich physisch.
 
Wenn am Ende Marie' s verwaister Junge „Hopp, hopp“ singt und den Tod der Mutter verkündet, ist das für mich kein Theaterdonner. Es ist die Wahrheit unter der Haut. Als Frau, die selbst früh zur Witwe wurde und deren Kinder in genau diesem Alter ( des verwaisten Jungen auf der Bühne) vor den Trümmern ihrer Welt standen, kenne ich die Stille nach diesem Schrei. In diesem Moment wurde aus der Distanz des Stehplatzes absolute Zeugenschaft.
 
Die Geschichte darf hier nicht enden. Wozzeck am AMS mag das Scheitern abbilden, doch in meinem Werk #AlexandraFall habe ich die Geschichte dieses Jungen weitergeschrieben. Nussrat ist der Junge, der weiterlebt. Er ist die Antwort auf ein System, das die Betroffenen oft nur infantilisiert. Mit Nussrat bekommt der Tod der Eltern seine Würde zurück – weil er die Geschichte ins Handeln führt, statt im Mitleid zu verharren.
 
Ein  überzeugtes „Bravo“ vom Stehplatz für diesen Moment der radikalen Wahrhaftigkeit.
© Merith Streicher